Früh klingelte mein Wecker an einem Mittwochmorgen. Mit einer eingespielten Handbewegung drückte ich meinen Wecker aus und drehte mich, unter meinen warmen Decken, nochmal um. Ich schreckte auf, als mein Handy anfing zu klingeln. Ich musste wieder eingeschlafen sein. Mit geschlossenen Augen tastete ich auf meinem Nachttisch nach meinem Handy. Ich spürte die Vibration unter meiner Hand und griff zu. Geübt drückte ich die Annahmetaste und murmelte unausgeschlafen: „Mayson?“ „Alice! Du liegst doch nicht etwa noch im Bett? Natürlich liegst du noch im Bett. Das darf doch nicht wahr sein. In einer viertel Stunde fängt der Geschichtsunterricht an!“ Es war Lynn, die mit ihrer hell trällernden Stimme mich durch ihren Anruf schlagartig weckte. „Lynn, ich komme schon noch. Mach dir keine Sorgen. Dann komme ich eben zu spät. Bis Gleich.“, ich beruhigte sie ein wenig, hörte noch leicht ihr ironisches Lachen, legte schnell auf und schwang mich aus dem Bett. Ich würde es ja sowieso so nicht mehr schaffen und dennoch beeilte ich mich.
Geschichtsunterricht löste bei allen unserer Klasse bloße Hektik aus. Es war der Unterricht mit der meist gefürchteten Lehrerin. Frau Bertignac ist vor zwei Jahren aus Frankreich an unsere Schule gekommen. Als sie damals kam, sprach sie kaum ein Wort Deutsch, doch mit ihrem strengen französischen Akzent machte sie nach einiger Zeit jedem Angst. Sie war vernarrt in Pünktlichkeit und kam stets schick gekleidet. Mit einem streng nach hinten gebunden Zopf und engen grauen Kleidern. Keiner hat sich je getraut eine Stunde zu versäumen oder zu spät zu kommen. Am Anfang dachte ich es sei eine Phase, um die Schüler zu testen, doch ihr Verhalten veränderte sich keines Wegs zum besseren. Jeder hielt sich an ihre Regeln, weil wir wussten, dass wir bestraft wurden falls wir es nicht taten. Oft schauten wir Filme bei ihr und schrieben dann Wiederholungsteste. Jeder schaute interessiert und aufmerksam zu, um auch in den Testen mithalten zu können.
Ich riss das Kleid und die dicke schwarze Strumpfhose von meinem Stuhl und straff mir beides über. Mit großen Schritten ging ich ins Bad, putzte mir die Zähne, kämmte mir die langen orangefarbenen Harre zu einem ordentlich Scheitel und trug Wimperntusche auf. Meine schwarzen Stiefel lagen wie erschossen in der Eingangstür. Ich schnappte sie mir und stülpte sie über meine kleinen Füße. Schnell suchte ich mir noch meine Tasche, den Mantel, Schal und Mütze zusammen und flüchtete samt aller wichtigen Dinge aus der Wohnung in Richtung des Busses. Wenn ich Mal spät dran war, war es mit dem Bus schneller, da er näher an der Schule lag. Ich erwischte gerade noch den letzten Bus, bevor ich hätte 20 Minuten warten müssen.
Exakt 27 Minuten nach Lynns Anruf traf ich in der Schule ein. Als ich den Flur zu meinem Klassenraum entlang lief, schallte nur der Klang des Aufsetzens meines Schuhs in meinem Kopf wider – sonst war da nichts. Kein Lachen der Mitschüler, kein unsinniges Gerede der Lehrer. Es war merkwürdig leise dafür, dass die Stunde gerade erst begonnen hatte. Normalerweise würde jetzt in den großen Kinothrillern das Mädchen, das ganz allein in der Stille steht, entführt werden. Bei mir nicht – ich stand da und Nichts passierte.
Die Tür des Klassenraums war zu und hinter der Glasscheibe war es dunkel. Ich drückte die Klinke runter, die Tür war auf. Vorsichtig trat ich ein. In der hintersten Ecke sah ich eine dunkle große Silhouette, die reglos da stand. Ich tastete die Wand links von mir ab auf der Suche nach dem Lichtschalter. Als ich ihn fühlte, drückte ich ihn runter. So, dass das Licht anging. Die Silhouette verschwand. Plötzlich erlosch das Licht und der Mann in dunklen Gewändern stand vor mir. Er war noch größer als er von weitem ausgesehen hatte. Er war noch größer als Ian, er schüchterte mich ein. Ganz langsam und mit Vorsicht trat ich eine Schritt zurück. Ich konnte nicht um Hilfe schreien. Ein stechender Klos hing in meinem Hals fest und machte auch keine Anstalten sich zu lösen. Ich versuchte es flehend, doch nur ein leichtes Winseln entfloh meinem Mund. Er ging einen minimalen Schritt auf mich zu, dann verschwand er und ein lauter Schrei begleitete ihn. Meine Ohren schmerzten, es war zu laut. Plötzlich wurde alles schwarz. Ich griff zu der Klinke doch verfehlte sie. Dumpf fiel ich zu Boden.
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